"OK" aus der Sicht von Wirtschaftstreibenden im Ost-West-Geschäft
Über Vorurteilsfreiheit oder Voreingenommenheit, die man sich nicht leisten kann
Teil 2 der Studie: Fremdenfeindlichkeit im Diskurs über "Organisierte Kriminalität"
Hermann Kuschej, Arno Pilgram1. Zum Konzept der Unternehmerbefragung im Rahmen der Studie
"Fremdenfeindlichkeit im öffentlichen OK-Diskurs"Die im Rahmen des Forschungsprojektes "Fremdenfeindlichkeit im öffentlichen Diskurs über Organisierte Kriminalität" durchgeführten Interviews mit Unternehmern im Ost-(=GUS)-West-Geschäft interessieren als Gespräche mit einem Personenkreis, der - wie kein anderer - vom dominanten OK-Diskurs (und das ist ein polizeidominierter, rigoros kriminalisierender und latent fremdenfeindlicher ) affiziert ist. Während sich der Durchschnittsbürger kaum veranlaßt sehen wird, sich mit dem polizeilichen Gefahrensymbolangebot "Organisierte Kriminalität aus dem Osten" besonders eingehend und kritisch auseinanderzusetzen, während dieser davon mehr oder weniger beliebig Gebrauch machen oder daran vorbeisehen kann (wie bei anderen Nachrichten- und Unterhaltungsangeboten auch), berührt das Thema den sozialen Status des im Ost-West-Geschäft Tätigen oder gar "Beheimateten". Das "Vor-Urteil" droht auf ihn überzugreifen.
Er ist davon zwar weniger unmittelbar bedroht als etwa Politiker, denen - wie das jüngste politische Tagesgeschehen zeigt - OK-Paniken und Mafia-Nachrede umgehend öffentliche Abwehrmanöver aufzwingen können. Der einzelne Ost-West-Unternehmer und auch sein ganzer Stand müssen sich nicht in derselben Weise der Öffentlichkeit stellen, sich jedoch sehr wohl mit der den öffentlichen Diskurs bestimmenden polizeilichen OK-Perspektive (Gefahr drohe aus dem Osten) konfrontieren. Denn diese läßt (wie die politische Skandalisierbarkeit von "Mafia-Kontakten" schlaglichtartig bestätigt hat) bestehende soziale und geschäftliche Beziehungen in diesem Feld potentiell verwundbar werden. Obwohl Unternehmer im Ost-West-Geschäft keineswegs wie Polizei und Polizeiwissenschaft und -politik zu den auffälligen Akteuren des öffentlichen OK-Diskurses in Österreich zählen, hat man in ihnen zumindest die aktivsten Rezipienten dieses Diskurses zu vermuten. Keine andere Gruppe scheint uns daher geeigneter, nicht nur die Wiedergabe polizeilich-fachlich sanktionierter (alltagspraktisch aber eher irrelevanter) allgemeiner Vorurteile zu untersuchen, sondern vor allem auch Versuche, sich von diesen Urteilen zu lösen, sich dagegen zu wehren oder zu immunisieren.
Die Befragung steht unter dem Prätext, Vorstellungen der Öffentlichkeit von Rußlands Wirtschaft und vom dortigen großen Einfluß der OK an den praktischen Erfahrungen von österreichischen Wirtschaftstreibenden messen zu wollen. Mit dieser Vorgabe sind die Befragten zunächst zum einen als die "eigentlichen Experten" angesprochen und von vornherein gewissermaßen zu einer Berichtigung (eher als zur bloßen Bekräftigung - was allerdings nicht ausgeschlossen ist) "einseitiger" oder "vereinfachter" Sichtweisen aufgefordert. Diese "Korrektur an der vorherrschenden Meinung" ist jedoch ein delikates Unterfangen. Soll dieses gelingen, ist es nicht mit der Berufung auf Informationsvorsprung, auf Sachkenntnis durch Erfahrung vor Ort getan, bedarf es auch moralischer Rechtfertigung. Denn eben diese Unmittelbarkeit der Erfahrung macht die Interviewten auch zu "Verdächtigen". Die angesprochene Erfahrung unterstellt nämlich zum anderen reale Kontakte zum "Organisierten Verbrechen", unterstellt dabei nicht nur "Viktimisierungserfahrung" (und Klugheit aus Schaden), nicht nur erlittene, sondern auch aktiv gestaltete Erfahrung, erfolgssichernde Anpassung an die gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Unternehmer im Ost-West-Geschäft befinden sich in der eher prekären Position des "befangenen Experten", des potentiellen "Sympathisanten" oder gar "Kollaborateurs" von OK.
Der Prätext der Interviews fordert die Befragten daher nicht nur einfach auf, allzu naive Vorstellungen sachlich zurechtzurücken, sondern auch, sich über "tolerierte Erfahrung", über "Sich-Einlassen auf die Verhältnisse" und insofern normativ zu äußern, sich moralisch zu legitimieren. Wie weit ist man zu gehen bereit oder auch gezwungen (gewesen), um gesetzte wirtschaftliche Ziele verfolgen und erreichen zu können? Durfte man so weit gehen? Welche Konzessionen wurden und werden gemacht und durch welche übergeordneten wirtschaftlichen Zielsetzungen zu vertretbaren? "Erfahrung" von österreichischen Wirtschaftstreibenden im GUS-Bereich interessiert uns hier insofern vor allem in ihrer legitimatorischen Darstellung als "moralischer Kompromiß". Ein solcher Kompromiß ist zwischen konfligierenden "Wirtschafts-", "Staats-" oder "Sozialmoral/en" denkbar und formulierbar (ich handle, obwohl es eine Norm verletzen mag, weil es letzlich auf anderes ankommt). Es ist somit zu erwarten, daß in den Erfahrungsberichten bzw. den Verständigungsversuchen über die persönliche Umgangsweise mit OK komplexe normative Orientierungen der Befragten zum Ausdruck gebracht werden, die sich auf Wirtschaft, Staat (Verwaltung) und Gesellschaft insgesamt beziehen.
Von der spezifischen Gruppe der hier Befragten sind insofern normativ begründete Verfeinerungen (wenn auch nicht unbedingt eine gänzliche Zurückweisung) der groben Unterschiede zu erwarten, welche Polizei, Medien und allgemeine Öffentlichkeit treffen, eine Auflösung von und ein Rekombinationsspiel mit gängigen Stereotypen nicht nur von "Kriminalität" und "Fremden", sondern auch z.B. von "Unternehmern" und "Beamten", von "Geschichte" und "Natur" der Entwicklung von Ordnung und Wirtschaft. Es handelt sich um einen Personenkreis, der nicht einfach naiv öffentliche Urteile über das Phänomen "OK aus dem Osten" reproduzieren kann, sondern mit diesen (Vor-)Urteilen umzugehen, mit ihnen zu brechen bzw. dieselben geschickt aufzubrechen hat. In diesem Sinne darf man einen unvoreingenommenen, "vorurteilsfreien" Gestus erwarten, diesen allerdings auch wieder nicht als eine prinzipielle Eigenschaft von Aufgeklärtheit mißverstehen. Er ist vielmehr einer spezifischen Situation geschuldet, die (in der Befragung) kennenzulernen ebenso wichtig erscheint wie die Bausteine und Bauweise der "pragmatischen Unternehmerperspektive". Es ist nicht davon auszugehen, bei den hier Befragten ein völlig konträres Konzept von (Organisierter) Kriminalität und "russischem Nährboden" derselben vorzufinden, wohl aber unterschiedliche Relativierungen, Übernahmen und Zurückweisungen, Anknüpfungen an einige und Neueinführung von anderen Elementen der Annahmen über das Phänomen und seinen Kontext.2. Zur Methodik der Unternehmerbefragung
Auswahlgesichtspunkte und Durchführungsmodus der InterviewsDurchgeführt wurden 34 Interviews mit insgesamt 36 österreichischen Unternehmern bzw. Managern von Unternehmen (bzw. von Unternehmensprojekten), die auf dem Gebiet der GUS-Staaten aktiv (gewesen) sind.
Die Auswahl der allerersten Befragtengruppe (für Interviews mit Probecharakter) kam aufgrund privater Kontakte und Vermittlungen zustande, der Großteil der Befragten wurde jedoch nach einer Magazinpublikation über in Osteuropa tätige österreichische Firmen zufällig ausgewählt. Der Geschäftsbereich der einbezogenen Firmen und Personen unterscheidet sich beträchtlich: Die Mehrheit, nämlich 13 der Befragten stammten aus dem Bereich des Anlagenbaus, der Bau- und Investitionsgüterindustrie, 8 vertraten allgemeine Handelgesellschaften, 6 verschiedene Transportdienstleistungsunternehmen, 5 die Geld- und Versicherungswirtschaft sowie Rechtsdienstleister und 4 waren Unternehmensberater oder Wirtschaftsfunktionäre (also selbst nicht operativ tätig).
Die Interviews mit Unternehmern und Managern wurden teilstrukturiert geführt. Ein erster Teil der Fragen bezog sich auf Unternehmenscharakteristika und -projekte sowie auf die Geschäftspartner in den GUS-Staaten, um den unternehmerischen Handlungsrahmen abschätzen zu können. Mit diesem Abschnitt der Befragung wurde auch die Erwartung eines strukturierten Fragenprogramms bedient. In der Folge gestalteten sich die Gespräche tedenziell stärker "interviewtenzentriert", wurde es weitgehend den Befragten überlassen, im Rahmen des Themas "besondere Schwierigkeiten im Ost-West-Geschäft" und bezogen auf die Gesprächseinleitung (s.o.) den Gegenstand zu wählen, den Erfahrungsbericht zu steuern. Erst gegen Ende der Gespräche wurden (soweit es die Gesprächssituation zuließ) neuerlich ein paar fixierte Fragen gestellt. Darin wurden die Befragten nochmals ausdrücklich mit der Polizeieinschätzung der "Dominanz der Mafia" in Rußlands Wirtschaft konfrontiert und Zukunftsprognosen erbeten.Die drei Dimensionen der Auswertung der Interviews
Die nur wenig strukturierten, befragtenzentrierten und -gesteuerten Interviews wurden im Prinzip als "Erzählungen" und insofern als Einheiten betrachtet und ausgewertet, in denen komplexere Mitteilungen an die Gesprächspartner verpackt sind.
Ihre Anrede als Experten in Sachen OK enthebt die Befragten nicht einer Begründung für ihre Glaubwürdigkeit in dieser Rolle, handelt es sich doch um ein kontroverses Thema. Es zwingt den Befragten dazu, sich im Gespräch zunächst der Gemeinsamkeiten an Wissen und moralischen Maßstäben der Bewertung desselben mit dem Interviewer zu vergewissern oder zumindest auf solche Gemeinsamkeiten mit anderen legitimierten Autoritäten zu pochen. Diese moralische Positionierung und Differenzierung erfolgt hier im wesentlichen über die Erzählung "wofür man arbeitet" und "was alle davon haben" (könnten), wofür und warum man soziale Anerkennung beanspruchen darf. Diese erste Dimension der Auswertung der Interviews haben wir mit "Wirtschaftsmoral" überschrieben, an die bzw. die zu teilen im Gespräch mehr oder minder explizit appelliert wurde. (Weil die gesellschaftliche Fraglosigkeit und Verankerung der Regeln des professionellen wirtschaftlichen Handelns des Befragten eine entscheidende Frage spielt und im Interview mitverhandelt wird, ist hier bewußt von "Moral" die Rede.) Sie setzt zugleich seitens des Befragten den leitmotivischen Rahmen, in dem alle seine konkreten Handlungen (bzw. die Geschichten) darüber zu verstehen er den Zuhörer damit auffordert.
Das konkrete wirtschaftliche Handeln des Interviewpartners wird für ihn dadurch darstellbar als Auseinandersetzung mit einer Realität, die sich da und dort den deklarierten moralischen Grundsätzen und Handlungszielen sperrt, als strategische Operation zur Durchsetzung von Zielen durch Anpassung an prinzipiell eigensinnige und widrige Umwelten. Erzählungen zu Berührungen mit OK können dementsprechend interpretiert werden als Darstellungen der Handhabung von "Moral" in konkreten (=problematischen) Situationen, als Exemplifikationen für die Auflösung moralischer Dilemmata. Im "OK-Involvement" und seiner Schilderung - der zweiten Dimension der Interviewauswertung - versuchen wir gleichsam, die "Wirtschaftsmoralen" in ihrer pragmatischen Version zu erfassen. In den erlebten OK-Geschichten haben die Befragten Gelegenheit, das "Theorie-Praxis-Problem" nicht zuletzt auch bei "Recht und Moral" als bekanntes vorauszusetzen, abzuhandeln und (sich so) dem "praxisenthobenen" Interviewer näherzubringen.
Um entschuldbare Abstriche von Grundsätzen und Zielen, um unvermeidliche oder gar notwendige "moralische" Umwege bzw. Abweichungen vom Ideal auszumalen, mögen sich Gegenbilder und Abgrenzungen besonders gut eignen. Eigene Verwicklungen in irreguläre Praktiken einzuräumen und gebilligt oder zumindest verstanden wissen zu wollen, verlangt geradezu danach, die Überschreitungen und Überschreiter von Grenzen des zulässigen moralischen Kompromisses, der tolerierbaren Pragmatik vorzuführen. Wer sich nach Aussagen der Interviewten diesseits und wer jenseits dieser Grenzen bewegt und also nicht oder doch "wirklich kriminell" agiert, ist der dritte Auswertungsgesichtspunkt. Zumal hier auf Stereotypen zurückgegriffen werden kann, sprechen wir vom "Umgang mit Feindbildern", von Distanzierungen, Überarbeitungen oder Übernahmen derselben.3. Typologie unternehmerischen "Moralisierens" über OK
Unter Berücksichtigung dieser angeführten Dimensionen sollte die Auseinandersetzung von Unternehmern/Managern mit dem fremdenfeindlichen OK-Diskurs typologisch charakterisiert, sollten die Unterschiede möglichst anschaulich zur Darstellung gebracht werden. Dabei zeigte sich rasch, daß der Typisierungsversuch nach der "angewandten Wirtschaftsmoral" bzw. den "moralischen Abgrenzungen" der eigenen von irregulären/fremden Wirtschaftsweisen auf die Position des Befragten bzw. seines Unternehmens im internationalisierten wirtschaftlichen Konkurrenzgeschehen verwies. Der Typisierungsversuch anhand der "Erzählungen" und "Erklärungen" der Befragten geriet zu einer allgemeinen Unternehmenstypologie und bestätigte so die ökonomische und organisatorische Basis der Unternehmen als entscheidende Bedingung für die "Unternehmensphilosophie" bzw. "-moral".
Woran sie ihre Leistung beurteilt sehen wollen, wie sie in diesem Zusammenhang ihr Engagement und Verhalten in einem problematischen Umfeld legitimieren und was oder wen sie als wirkliche Gegenspieler und Gefährdung ihrer Projekte sehen (und kriminalisieren), unterscheidet- "Monopolkapitalisten": Repräsentanten von großen multinationalen Unternehmen, die als Global Player agieren,
- "Konkurrenzkapitalisten - Variante zivil": Vertreter von nicht marktbeherrschenden Unternehmen, die sich durch "Anpassung an den Markt" bzw. an die gesellschaftlichen Bedingungen behaupten müssen,
- "Konkurrenzkapitalisten - Variante wild": Individualistische Nutzer temporärer, außergewöhnlicher Marktchancen, mit einem spekulativen Vorgehen und Risikobereitschaft,
- "Ständische Kapitalisten": Unternehmer mit einem traditionellen (konservativen) Selbstbild als Träger auch von historischen und kulturellen Werten,
- "Sozialkapitalisten": Sympathisanten eines sozial- und wirtschaftpartnerschaftlichen Konzepts von Ökonomie und Gesellschaft, in welcher der (nationale) Staat quasi als "Gesamtkapitalist"gesehen wird,
- "Arbeiterkapitalisten": Abhängiger Unternehmer, untergeordneter Wirtschaftsdienstleister mit kleinerem "gewerblichem" Betrieb, und
- "Risikomanager": Unternehmer aus dem Finanz- und Versicherungsdienstleistungsbereich, die Risikoanalyse, -streuung und -steuerung besorgen.Für jede dieser Unternehmergruppen wurde herausgearbeitet, wie sie in je besonderer Weise über OK "moralisiert", d.h. welche "Wirtschaftsmoral" sie wie in ihren Erzählungen zum Thema OK zu kommunizieren versucht, welche und wessen alternative Praktiken und/oder Ordnungsvorstellungen sie in den Bereich der Unfairness, ja "Kriminalität" und/oder der "geschäftsstörenden", wirtschaftswidrigen Irrationalität verweist.
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