Polizeinotruf - Intervention über Aufforderung.
Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zum Polizeinotruf in Wien
Gerhard HanakDas Buch berichtet über die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zum Wiener Polizeinotruf. Es geht dabei um die Beschreibung und Analyse eines Aspekts von privater wie öffentlicher (Un)Sicherheit, der in den meist kriminalitätsfixierten medialen wie politischen Sicherheitsdiskursen systematisch zu kurz kommt: Wie denn die polizeilich bearbeiteten, akuteren Sicherheitsprobleme beschaffen sind, und wie sich die Routinen der polizeilichen Problembearbeitung darstellen. Ausgewertet wurde eine repräsentative Stichprobe von 1338 so genannten "Einsatz-Blocks" der Bundespolizeidirektion Wien aus dem Jahr 1989, wobei vor allem die Informationen zu den jeweiligen Einsatzgründen, Einsatzorten, sowie die Angaben zur Erledigung ausgewertet wurden. Der Bericht referiert (und illustriert) das überaus breite Spektrum von Einsatzgründen (eine provisorische Klassifikation operierte mit circa 60 Kategorien), von denen viele sich offensichtlich nicht (oder nicht eindeutig) auf Kriminalität oder offensichtliche "emergencies" beziehen, sondern auf verschiedenste Aspekte von großstädtischer Unordnung, die aus der Sicht der Aufforderer der (polizeilichen) Abhilfe oder Abklärung bedürfen (verparkte Ladezonen, Unfälle, Rauchentwicklung, Lärm, technische Gebrechen, Streit, verwirrte Personen, Einbruchsdiebstahl, (Fehl)alarme etc.). Der Bericht schließt mit einem Abschnitt, in dem die empirischen Befunde einer soziologischen Interpretation unterzogen werden: Die durch Notruf ausgelösten Interventionen beschränken sich mehrheitlich auf unmittelbares, praktisches, informelles Problemmanagement, nur in einer nicht ganz kleinen Minderheit der Fälle ergeben sich Hinweise auf eine (straf)rechtliche Verarbeitung eines Problems oder Normbruchs (Anzeigen, Festnahmen, andere kriminalistische Maßnahmen). Aus der faktischen Inanspruchnahme des Polizeinotrufs seitens der Bevölkerung ergibt sich das Bild von typischen Einsatzgründen, die vor allem dadurch gekennzeichnet sind, dass Belästigungen, Bedrohungen, Gefahren, Übelstände abgestellt bzw. unterbunden werden sollen, oder dass verdächtige oder jedenfalls aufklärungsbedürftige Wahrnehmungen überprüft bzw. ihnen nachgegangen werden soll, und zwar von einer dafür zuständigen, hiefür ausgestatteten, hinreichend legitimierten Instanz. Der Benützung des Polizeinotrufs substituiert vielfach auch die Bereitschaft zur Einlassung in Streitaustragung und Konfrontation (Beispiel: Lärm). So betrachtet erscheint die extensive (und zunehmende) Benützung des Notrufs auch als Preis, der für die Verbreitung konfrontationsarmer, defensiver Konfliktstrategien im Alltag zu bezahlen ist.
Publikation:
Hanak, Gerhard: Polizeinotruf - Intervention über Aufforderung. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zum Polizeinotruf in Wien. Holzkirchen 1991
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