Neurophysiologische Defizite als Risikofaktor?

Kriminelle Karrieretäter des 21. Jahrhunderts


Aktuelle Entwicklungen auf dem Gebiet der Neurowissenschaften erwecken den Eindruck, dass es auf der Basis bildgebender Verfahren und mittels DNA- oder Hormonanalysen erstmalig möglich sei, die Disposition einer „kriminellen Persönlichkeit“ zu erkennen: das (Nicht)Auftreten oder die Kombination bestimmter Genvarianten, physiologische Besonderheiten im Bereich des Vorderhirns oder ein Mangel des Neurotransmitters Serotonin stünden mit „Antisozialität“, Aggressivität und Kriminalität in engem Zusammenhang. Zugleich entwickelt das Kriminaljustizsystem in Zusammenarbeit mit der kriminologischen Wissenschaft neue umfassende Datenbanken für „Mehrfach- und Intensivtäter“; diese sollen es ermöglichen, jene Personen herauszufiltern, die – obwohl nur eine kleine Minderheit – als für die Mehrzahl aller Verbrechen verantwortlich gelten. Diese beiden aktuell beobachtbaren Entwicklungen prägen ein neues Bild vom „Karrieretäter“, das nicht nur Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Diskurs über Straftäter hat, sondern auch auf kriminalpolitische Praktiken. Ist der „High Risk Offender“, klassifiziert auf Basis einer Kombination von sozialen, psychologischen und biologischen Faktoren, der ein Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft darstellt und daher durch intensive Kontrolle bis hin zu präventiver Haft „unschädlich“ gemacht werden muss, der „kriminelle Karrieretäter des 21. Jahrhunderts“?

Die beantragte Studie nimmt zunächst eine historische Perspektive ein und rekonstruiert die Geschichte des „Karrierekriminellen“ in der Kriminologie. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es zwischen dem „geborenen Verbrecher“ Lombrosos, den „Unverbesserlichen“ Franz von Liszts (1882), der „core group“ der Gluecks (1930), dem „professional thief“ Sutherlands (1937), den „chronics“ von Wolfgang et al (1972), den „career criminals“ von Blumstein et al (1986) und den „life-course persisters“ Moffitts (1993)? Daran anschließend wird der Stand der neurowissenschaftlichen Devianzforschung aus sozialwissenschaftlicher Perspektive beurteilt. Es ist zu klären, ob der zunehmende Einfluss der Neurowissenschaften zu einer „Biorenaissance in der Kriminologie“ (Strasser 2005) führt, oder ob es sich um eine neue Form der Verbindung von Kriminalbiologie mit multifaktoriellen Ansätzen im Rahmen des Risikodiskurses und der „actuarial justice“ handelt.

Aus der durch die kriminologische Forschung geschaffenen Kategorie von „Karrieretätern“, die als gefährlich, unverbesserlich und nicht resozialisierbar gelten, und der Auswirkung dieser Kategorie auf die Praxis ergibt sich die Relevanz der Fragestellung des beantragten Projekts. Dass die Einteilung in harmlose Delinquenten und „hard core persisters“ nicht neu ist, wird im historischen Teil der Studie dargestellt. Neurophysiologische Befunde verleihen dieser Kategorisierung neues Gewicht, könnten „Risikoprofile“ und Prognosemodelle verbessern und somit aufwerten. Bestätigt sich die These, dass es sich um einen Determinismus zweiter Ordnung handelt, fehlt dieser Perspektive die Zielsetzung der Änderung und Besserung von Straftätern, die noch den wohlfahrtsstaatlichen Umgang mit ihnen prägte. Im angloamerikanischen Raum mehren sich die Befunde, dass der Karrieretäter des 21. Jahrhunderts nicht mehr behandelt und resozialisiert werden soll, sondern dass der Schutz der Allgemeinheit durch treffsichere Risiko-Prävention und „Unschädlichmachen“ im Sinne von lebenslangem Wegsperren im Vordergrund steht. Eine Policy-Dokumentenanalyse soll die Rezeption der Befunde der Karriereforschung und Neurowissenschaften in unterschiedlichen lokalen Kontexten beleuchten.

Folgende empirischen Erhebungsschritte sind zur Bearbeitung der Fragestellung vorgesehen:

  1. Historischer Teil: Literaturstudie
    a. Standardwerke der Kriminologie über „Kriminelle Karrieren“ im weitesten Sinn (Kriminalbiologie, Karriereforschung, Biographieforschung, etc.)
    b. wissenssoziologische/ gouvernementalitätstheoretische Publikationen zur Geschichte der Kriminologie
  2. Analyse des Stands der Forschung: Befunde aktueller neurowissenschaftlicher Forschungen über Devianz, „antisoziales Verhalten“ und Kriminalität aus sozialwissenschaftlicher Perspektive (Auswertung wissenschaftlicher Journale)
  3. Auswirkungen auf die Praxis: Rezeption der Befunde der Karriereforschung und Neurowissenschaften in unterschiedlichen lokalen Kontexten: Analyse von Policy-Dokumenten und Programmen (z.B. PPO Programm in UK)

Projekt Laufzeit

September 2009 bis Oktober 2012

Tags

  • Neuro
  • Genetik
  • Kriminalbiologie
  • Kriminelle Karriere
  • Rückfall

Projektleitung

Reinhard Kreissl

Ehemaliger wissenschaftlicher Leiter


ProjektmitarbeiterInnen

Veronika Hofinger

Wissenschaftliche Geschäftsführung/ Leitungsteam