INSEC - Insecurities in European Cities.
Unsicherheiten in europäischen Großstädten.

Projektbericht: Local Report Vienna (in englischer Sprache)
Kurzfassung: The Case of Vienna (in englischer Sprache)
(Un)sicherheit findet Stadt (Artikel aus dérive)
Ergebnisse und Folgerungen aus den Wiener Daten (Folien)
Internationaler Endbericht (Homepage der Universität Hamburg)

 
Kriminalitätsbezogene Furcht im Kontext neuer sozialer Ängste und Konzepte kommunaler Prävention (2001-2004)
Projektkoordination: Institut für Kriminalwissenschaften (Universität Hamburg)
Projektpartner für Wien: Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (Univ.-Doz. Dr. Wolfgang Stangl, Dr. Gerhard Hanak, Mag. Dr. Inge Karazman-Morawetz)

In der soziologischen Reflexion und Zeitdiagnose ist besonders seit Mitte der 80-er-Jahre vermehrt von Unsicherheiten die Rede, die mit den Konzepten "Individualisierung", "Risikogesellschaft" und "Globalisierung" assoziiert sind. Von renommierten Autoren ist nachdrücklich darauf hingewiesen worden, dass diese grundlegenden Tendenzen die Biographien und Lebensplanungen, aber auch den Alltag spätmoderner Gesellschaften massiv verändert haben. Das alles verbindet sich mit der "Krise der Städte", mit der Diagnose also, dass die Stadt (oder jedenfalls viele Städte) ihre Funktion als "Integrationsmaschine", die ihnen in der fordistischen Ära zugekommen ist, unter den Bedingungen der deregulierten (und deregulierenden) Politik nicht mehr erfüllen kann (können). Von der Spaltung der Stadt, von sozial-räumlichen Polarisierungstendenzen, von "gated communities" auf der einen und "ungovernable spaces" auf der anderen Seite ist die Rede, in denen herkömmliche (moderne) Strategien sozialer Kontrolle nicht mehr funktionieren. Zunehmende "Insecurities in European Cities" sind sowohl angesichts deutlicher und beschleunigter Veränderungen regionaler wie internationaler Arbeitsmärkte und des parallel erfolgenden Umbaus/Rückbaus des Wohlfahrtsstaats absehbar; andrerseits machen sie sich auch an steigenden Kriminalitätsraten und angeblich zunehmender Kriminalitätsfurcht fest, die in den vergangenen Jahrzehnten als eigenständiges soziales Problem entdeckt wurde.

Gesellschaftliche Unsicherheit und städtische Ängste im Zusammenhang mit Kriminalität und anderen Alltagsirritationen ist keineswegs nur ein akademisches Thema. Gerade für Wien stellt sich angesichts steigender Vermögens-, Drogen- und Raubdelikte die Frage, wie die BewohnerInnen dieser Stadt auf diese Entwicklungen reagieren und ob mehr (Kriminalitäts-)Angst und Unsicherheit in der Stadt ist. Angesichts jüngst errichteter Sicherheitszonen in dieser Stadt und der Einberufung eines Sicherheitsgipfels erhebt sich zusätzlich die Frage, ob die Wiener (oder Österreichische) Polizei ein neues Kontrollregime entwickelt, welche Ziele damit verbunden sind und welche Auswirkungen erwartet werden.

In dem von der EU geförderten international vergleichenden Projekt INSEC steht die Frage im Zentrum, wie StadtbewohnerInnen Sicherheit und Unsicherheit im städtischen Raum und im städtischen Alltag erleben; was sich daraus für Konzepte kommunaler Prävention und Strategien der Stadtentwicklung ableiten lässt; und forschungstheoretisch vor allem die Frage, inwieweit sich grundlegende Tendenzen der Gesellschaftsentwicklung in der Unsicherheitswahrnehmung von BewohnerInnen niederschlagen, unter Bezug auf die jeweiligen nationalen ökonomischen und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen. In fünf europäischen Ländern bzw. Städten (Amsterdam, Budapest, Hamburg, Krakau, Wien) wurden repräsentative Befragungen von BewohnerInnen zweier unterschiedlicher Stadtteile, weiters qualitative Interviews mit BewohnerInnen sowie Experteninterviews durchgeführt. Die Wiener Untersuchungsgebiete waren die Leopoldstadt (die Gründerzeitviertel Volkertviertel und Stuwerviertel) sowie die transdanubischen Stadtrandsiedlungen Großfeldsiedlung und Rennbahnweg.

Die Ergebnisse aus Wien, die auf dem Weg einer Repräsentativbefragung (mehr als 1000 Interviews, Erhebungszeitraum: Herbst 2002) und einer qualitativen Studie (86 Interviews) in diesen Stadtteilen erhoben wurden, verweisen alles in allem auf einen relativ geringen Grad von Verunsicherung und Unsicherheitsgefühlen. Sie unterscheiden sich damit zum Teil recht gründlich von den in vergleichbaren Stadtteilen in anderen Städten (Amsterdam, Budapest, Hamburg, Krakau) erhobenen Daten und lassen sich nicht so leicht in den soziologischen und kriminologischen Mainstream-Diskurs einordnen. Im Anhang werden einige Unterschiede zwischen Wien und den übrigen Projektstädten in einer Tabelle zusammengefasst.

Bemerkenswert an den Wiener Daten ist das hohes Maß an Zufriedenheit mit der Wohnumgebung und dem Stadtviertel insgesamt, das in allen vier Untersuchungsgebieten gefunden wurde: Rund zwei Drittel der Befragten wohnen gern oder sehr gern in ihrem Stadtteil; der Anteil der (eher) Unzufriedenen beläuft sich auf kaum mehr als 10 Prozent. Ganz ähnlich verhält es sich bei der Beurteilung der lokalen Sicherheitsverhältnisse: Mehrheitlich bewerten die Befragten ihren Stadtteil als (eher) sicher, der Anteil derer, welche die Sicherheitsverhältnisse im Stadtteil (eher) unbefriedigend einschätzen, liegt zwischen 12 und 16 Prozent. Generell zeigen die Daten, dass eine negative Beurteilung der Sicherheitsverhältnisse vielfach als Teil eines umfassenderen Unzufriedenheitssyndroms mit der Wohnumgebung (und weniger als Reflex spezifischer Sicherheits- oder gar Kriminalitätsprobleme) zu verstehen ist, das in den Untersuchungsgebieten auf etwa 15 Prozent der Befragten zutrifft und am Rennbahnweg geringfügig erhöht ist.

Lokale Kriminalitätsrisken bzw. das Risiko einer eigenen Viktimisierung im Wohngebiet werden als eher gering eingeschätzt (7 Prozent der Befragten sehen ein höheres Risiko). Auch die von rund einem Viertel der Befragten berichteten Viktimisierungserfahrungen (einschließlich non-crime events) in den letzten drei Jahren, bei denen es sich vorwiegend um materielle Schädigungen handelt, erscheinen in der Größenordnung eher moderat (rund ein Viertel); sie unterscheiden sich in dieser Hinsicht im übrigen kaum von jenen aus den anderen Vergleichsstädten. Diese Ergebnisse reihen sich ein in frühere und aktuelle Umfragedaten über die relativ hohe Zufriedenheit mit den Sicherheitsverhältnissen im Zusammenhang mit Kriminalität, mit der Qualität der städtischen Infrastruktur und des Wohnens in Wien.

Die qualitative Untersuchung bestätigt die Ergebnisse der Repräsentativbefragung. Fragen der Unsicherheit und Kriminalitätsfurcht sind bzw. waren für die überwiegende Mehrzahl der Befragten nicht wirklich vorrangig. Fast die Hälfte der Befragten erinnert keine Situation in den letzten Jahren, in der sie sich (einigermaßen) unsicher gefühlt hätten, und auch die von den anderen genannten Unsicherheitserfahrungen betreffen vielfach relativ undramatische und weitgehend folgenlose Irritationen im öffentlichen Raum, die sich oft auf die Wahrnehmung von und Konfrontation mit "social disorder" beziehen. Probleme in den jeweiligen Stadtteilen, die in den Interviews durchaus angesprochen werden, werden nicht primär unterm Gesichtspunkt von Unsicherheit oder gar Furcht abgehandelt.

Kennzeichnend für die Situation in Wien ist im Vergleich mit den Daten aus den anderen Partnerstädten das generell hohe Vertrauen der Befragten in die (staatlichen) Systemleistungen (rund 80 Prozent geben großes oder eher großen Vertrauen in die Institutionen an, am meisten in die medizinische Versorgung) sowie die relativ geringere Beunruhigung der Befragten über kriminalitätsbezogene Probleme in Wien (40%-45% Prozent sind eher beunruhigt oder beunruhigt), weiters die relativ gute Sicherheitseinschätzung im öffentlichen Raum bzw. in öffentlichen Verkehrsmitteln, und das weitgehende Fehlen von effektive Beschränkungen von Handlungsräumen im Zusammenhang mit Unsicherheit. Der Anteil derer, die ihre Wohnung abends kaum oder gar nicht verlassen und das (auch) mit Angst oder Furcht begründen, ist in den Wiener Untersuchungsgebieten äußerst gering – etwa 5-6 Prozent -, und um einiges geringer als z.B. in Krakau, wo in einem Stadtteil 29% der BewohnerInnen Angst als Grund angeben.

Während einige der genannten gesellschaftlichen Tendenzen (Globalisierung, Migration, Individualisierung und Auflösung der traditionellen Milieus, nicht zuletzt auch die politische Wende mit verstärkten neoliberalen Akzenten durch die schwarz-blaue Regierung etc.) wohl auch Wien tangieren, scheint es einige Faktoren zu geben, die einer zu erwartenden erhöhten Verunsicherung der Wiener Bevölkerung im Vergleich zu anderen Städten entgegenwirken: z.B. die gut funktionierende städtische Infrastruktur, keine extreme Stadtteilsegregation, das nachhaltige Wirken der Konsensdemokratie in Form der Sozialpartnerschaft, die - wenn auch modifizierte - Beibehaltung eines lokalen Wohlfahrtsstaatsregimes anstatt neoliberaler Politik und deren Ausgrenzungsfolgen. Vor allem das nach wie vor bestehende Vertrauen in "abstract systems" (A. Giddens), in infrastrukturelle und soziale Arrangements, die weitgehend erwartungsgemäß bzw. bislang ohne dramatische Erwartungsenttäuschungen funktionieren, scheint einen wichtiger Faktor zur Reduktion von Unsicherheitsgefühlen in Wien darzustellen.

Projektbericht: Local Report Vienna (in englischer Sprache)
Kurzfassung: The Case of Vienna (in englischer Sprache)
(Un)sicherheit findet Stadt (Artikel aus dérive)
Ergebnisse und Folgerungen aus den Wiener Daten (Folien)
Internationaler Endbericht (Homepage der Universität Hamburg)

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